sag hallo zum Leben.
Du bist gesund. Du kannst laufen. Du kannst dich selbst versorgen. Du kannst dich selbst pflegen. Du kannst das machen, worauf du Lust hast. Du kannst dein Leben selbst bestimmen. Trotzdem meckerst du den ganzen Tag, wie beschissen dein Leben ist. Wie gut es doch die anderen haben. Warum bist du nicht glücklich wie dein Leben ist?
Ich mache eine Ausbildung in einem Wohnheim für ältere Menschen mit Behinderung. Aus dem Leben eines Bewohners werde ich dir jetzt erzählen.
Deine Mutter wird schwanger. Die Schwangerschaft verläuft ohne Probleme, doch bei der Geburt gibt es Komplikationen. Du kommst mit den Füßen zuerst auf die Welt. Die Hebame versucht krampfhaft dich schnellstmöglich zur Welt zu bringen. Doch du bist zulange im Geburtskanal. Du kannst nicht atmen, du bekommst zu wenig Sauerstoff. Du bist noch nichtmal geboren und schon kämpfst du um dein Leben.
Du draußen. Du lebst. Dein Gehirn war aber zu lange mit Sauerstoff unterversorgt. Es ist stark geschädigt. Ärzte diagnostizieren bei dir eine leichte geistige Behinderung und eine spastische Lähmung. Du wirst nichts, außer deinem Kopf, bewegen können. Wegen dieser Behinderungen wollen dich deine Eltern nicht, sie geben dich schnellstmöglich zur Adoption frei.
Du bist mittlerweile 5 Jahre alt. Die letzten Jahre hast du in einem Heim verbracht, in dem sich niemand mit dir beschäftigte. Du kannst nicht sprechen. Du liegst den ganzen Tag im Bett. Endlich wirst du adoptiert. Aber von was für einer Familie? Sie wollen nur Fördermittel vom Sozialamt kassieren. Du wirst in einem düsteren Raum mit einem kleinen Fenster untergebracht. Zumindest kommst du jetzt tagsüber in ein Rollstuhl. Doch sie schieben dich morgens nur vor ein Fenster und lassen dich die große Welt bestaunen. Du siehst wie die anderen Kinder der Familie ausgelassen spielen. Doch du bist gefesselt an dein Rollstuhl. Lebenslänglich.
Vor einer Woche hattest du deinen 15. Geburtstag. Geändert hat sich in den Jahren nicht viel. Du stehst tagsüber noch genau an der selben Stelle wie vor 10 Jahren. Dein Zimmer ist das selbe. Nur dein Bett ist größer geworden. Die Familie hat von Monat zu Monat mehr Streß und Ärger mit dir. Sie haben Auflagen vom Sozialamt bekommen. Sie sollen dich fördern, doch sie wollen sich mit dir nicht beschäftigen. Du bist ihnen zu anstrengend geworden. Du wirst in ein Heim abgeschoben. Sprechen kannst du nur bröckchenhaft. Du bist auf den gleichen Stand wie ein Dreijähriger.
Im Heim angekommen, wird dir im Laufe der Tage erst klar, dass es im Leben etwas mehr gibt als nur vor einem Fenster zu stehen. Einmal die Woche schiebt dich ein Zivi zum Spaziergang nach draußen. Für 2 Stunden bekommst du jeden Tag Beschäftigung. Mit dir wird gespielt, mit dir wird erzählt. Dir wird Lesen, Rechnen und Sprechen beigebracht. Die übrige Zeit verbringst du vor einem Fernseher.
Du bist jetzt Mitte 70 und stehst mal wieder vor dem Fernseher. Gerade läuft eine Sendung, wo Leute sich über ihr Leben beschweren. Wie schlimm es ist und das alles immer schlechter wird. Du schaust dich an. Du denkst: “Wie schlimm kann ihr Leben sein? Die können schreiben, selbst Essen essen, laufen und sich frei bewegen. Sie brauchen nicht immer Pfleger um sich herum, die alles für sie übernehmen. Warum sind die nicht glücklich?”

Hallo. Ich bin Morten, Jahrgang 1986, wohne in Schwerin und mache beruflich etwas mit Menschen. Hier werden Sachen und Dinge seit 2009 geschrieben. Meine Freizeit verbringe gerne in Bars, am Strand, auf Wiesen, an Seen, in Kinos und auf Tanzflächen.
Ja, vielen Menschen geht es schlecht und die wenigsten erkennen das. Es wird über alles gemeckert und man verliert die wirklich wichtigen Dinge aus den Augen. Ich erwische mich auch ab und zu dabei und denke dann: Was sollen die Menschen in Afrika sagen, die nichts zu essen haben, oder wie nun jüngst in Haiti. Verlieren ihr Haus und in vielen Fällen gleich noch die komplette Familie. Denen geht es schlecht, aber in keinster Weise uns. Das ist nämlich nur Gejammer…
mal eins kann man ja auch jammern. Ist ja auch nicht möglich jeden Tag mit einem breiten Grinsen durch die Welt zu laufen. Aber wenn das ganze Leben nur aus Gejammer besteht, dann ist es einfach scheiße, weil denen geht es wirklich nicht schlecht. Wie du schon sagtest
Dieser Artikel beschreibt genau das was ich sooo oft denke. Klar, ich jammer auch manchmal rum, aber es wirft mich immer wieder in die Realität, wenn um mich herum alle nur nörgeln. Das nervt. Ich glaube dass solche Menschen noch nie Leid erfahren haben und einfach sonst keine Probleme haben. Sie wissen es einfach nicht besser und geben sich deswegen auch einfach nicht zufrieden mit dem was sie haben. Ist wirklich schade!!
Yep, denke ich auch so. Wie wissen einfach nicht wie sich echtes Leid anfühlt.
Ist halt alles immer eine Sache des Blickwinkels und eines gewissen Egoismus bzw. einer Egozentrik zuzuschreiben, die vielen von uns innewohnt.
Mein bestern Freund hat einen inoperablen Hirntumor, an dem er in nicht allzuferner Zukunft sterben wird. Er hat starke Schmerzen und schafft es teilweise eher schlecht als recht, diese mit Tilidin, Morphium und zahlreichen anderen Medikamenten (gegen die Nebenwirkungen der Schmerzmittel) in den Griff zu bekommen.
Wenn ich schonmal, unbedacht, in seiner Gegenwart geäußert hatte, dass ich „heute den ganzen Tag starke Kopfschmerzen habe“, dann sind diese Kopfschmerzen sicher nichts im Vergleich zu seinen Schmerzen. Aber _er_ sagte dann, dass meine Schmerzen für mich die gerade relevanten Schmerzen sind. Klar seien seine Schmerzen im Vergleich schlimmer, aber das macht es ja bei mir trotzdem dadurch nicht besser.
Ich will damit auch jetzt nicht jedes Gejammer gutheißen. Wenn jemand jammert, weil der Zwangsvollstrecker den 42″-Flachbildfernseher mitgenommen hat und sich dann beklagt, wie schlecht es einem doch geht, will ich so etwas gar nicht erst mit Menschen mit Behinderung o. ä. vergleichen.
Man sollte nur schauen, dass das ganze nicht zu so einer Art _Wettbewerb_ verkommt, dass nur der mit den schlimmsten Schmerzen, den größten Behinderungen, dem größten Leid es sich erlauben darf zu klagen. Weil – stellt euch vor, ihr seid nach einem Autounfall im Krankenhaus mit gebrochenem Arm, Bein und Gehirnerschütterung. Außerdem habt ihr Schmerzen und euch geht es nicht gut … man würde sich doch nicht wünschen, dass die Krankenschwester sagt „Stellen Sie sich mal nicht so an, wir haben hier im Spital noch Leute, den geht es schlimmer als Ihnen“.
Natürlich gibt es immer solche und solche “Fälle”. Um bei deinem Autounfallbeispiel zu bleiben: Wenn man da im Krankenhaus liegt, weiß man ja dass man irgendwann, auch wenn man durch die Reha muss und Bewegungstraining machen muss, sich wieder frei bewegen kann. Klar wird man dann im Krankenhaus auch jammern, verständlich. Würde ich auch. Aber man weiß, dass alles wieder gut wird.
Von dem Gejammer um einen 42″-Flachbildfernseher will ich erst gar nicht reden. So ein Gejammer ist überlüssig.